Kind-Sein heute und Kind-Sein im Laufe unseres Jahrhunderts stellen sich sehr unterschiedlich dar. Unser Zeitalter hat eine Reihe von Veränderungen hervorgebracht, die das Aufwachsen für Kinder verändert hat. Entscheidender Ausgangspunkt unserer Pädagogik ist deshalb die reale Lebenssituation heutiger Kinder. 

Projekt der Schulanfänger: "Unterwegs in Adelsheim"

Folgende Veränderungen sind von großer Bedeutung:

Kindheit heute im sozialen Umfeld

Die Familienkonstellation hat sich im Vergleich zu früher geändert. Immer seltener leben mehrere Generationen in einem Haushalt zusammen, in dem Großeltern, Eltern und ihre Kinder ihr Leben gestalten und eine Form des Zusammenlebens realisieren, die als natürlich und grundsätzlich hilfreich bezeichnet werden kann. 
Die Anzahl der Kinder in den Familien ist zurückgegangen. Familien in denen drei oder mehrere Kinder gemeinsam aufwachsen, sind immer mehr zu einer Minderheit geworden. Geschwistererfahrungen sind dadurch seltener. Familien mit einem Kind oder einem Elternteil werden dagegen immer häufiger.

Kindheit heute in einem verschobenen Wertesystem

Wir leben in einer Zeit, in der Religiosität oft nicht mehr als notwendiger Lebensinhalt betrachtet wird. Auf vielerlei Lebensfragen finden Menschen keine Antwort, fühlen sich alleine. Gerade Kinder beschäftigen sich mit der Frage, wie z.B. "Woher komme ich?", "Wer bin ich?", "Wohin gehe ich?", und suchen nach Orientierung und Antworten.
Auch die immer aktuelle Diskussion, um die Notwendigkeit von Regeln und Grenzen drückt eine Unsicherheit und häufig sehr liberale Einstellung der Eltern aus. Kinder brauchen beides Freiräume aber auch Grenzen, klare Regeln und Konsequenzen
Ein normales Mitarbeitsverständnis geht verloren, wenn Mitarbeit als pädagogische Maßnahme eingesetzt wird.

Besuch im Übergangswohnheim

 

Kindheit heute ist eine medienbestimmte Kindheit 

Kinder verfügen über Medien und benutzen viele Medien. Allerdings können Kinder bis zum siebten Lebensjahr kaum zwischen Film und Lebenswirklichkeit unterscheiden. Auch kleine Kinder erfahren bereits, dass in unserer Welt viele existentielle Bedrohungen bestehen, z.B. Kriege, Naturkatastrophen, Umweltverschmutzungen oder Ausländerfeindlichkeit. Es wird kein Thema tabuisiert. Bedrohungen kommen durch Fernsehen, Computerspiele und Radio in ihr Leben. Jedoch überfordern viele Themen unsere Kinder. Die Medienwelt prägt die Entwicklung der Kinder nachhaltig und verändert das Spielverhalten. Die Bildsprache steht in unserer heutigen Zeit im Mittelpunkt, das Erfahren der Welt durch Experimentieren, Handeln und Tun gerät ins Abseits. Kinder erfahren somit immer mehr indirekt als direkt, d.h. Kinder haben Wissen über ein bestimmtes Thema durch ihren Computer, Bücher, Fernsehen. Jedoch haben die Kinder selten einen direkten Kontakt zur Sache selbst. 

Kindheit heute ist konsum- bestimmte Kindheit

Kinder wachsen in einem überreizten Konsumklima auf und werden selbst als Konsumenten angesprochen. Im Hinblick auf Kindermode, Nahrungsmittel für Kinder, Spielwaren und Freizeitaktivitäten hat sich eine eigene Kinderkonsumkultur entwickelt. 
Auch die Werbung durchdringt unseren Alltag und die Lebenswelt der Kinder und fixiert sie auf eine Produktwelt, bei dem der Wert des Menschen an dem gemessen wird, was er besitzt. 
Das Überangebot erzeugt eine Oberflächlichkeit im Gebrauch. Spielmaterial verliert an Wert und Bedeutung (Wegwerfgesellschaft).

Kindheit heute in einer automatisierten Welt

Kinder werden in einer automatisierten Umwelt groß. Kinder können durch vielerlei technisierte Hilfsmittel im alltäglichen Leben nicht mehr die unmittelbaren Erfahrungen machen, wie etwas entsteht. Wie Arbeitsvorgänge geschehen und welche Sinnverbindung zwischen einzelnen Abläufen besteht, bleibt oft ein Geheimnis - das direkte Begreifen bleibt außen vor.

Besuch beim Bäcker

Die Verinselung des Lebensraumes

Der Lebensraum von Kindern ist sehr weit. Die Inseln an denen sich das Kind aufhält, liegen verstreut und oft weit auseinander. Diese Entfernungen sind dem Mobilitätsgrad der Erwachsenen angepasst, nicht dem der Kinder. Was zwischen den Inseln liegt, ist für das Kind diffus. Das Kind erlebt somit getrennte Welten. Eine Insel ist z. B der Arbeitsplatz der Eltern. Viele Kinder wissen nicht, was Papa oder Mama den ganzen Tag tun. Wie bei einem Puzzle ergibt es erst einen Sinn, wenn alle Teile zusammengefügt sind.

Kindheit heute ist verplante Kindheit

Einfach mal spielen gehen!?! Die Verplanung der Zeit schiebt sich immer mehr in den Vordergrund. Spontane Spielkontakte werden immer seltener, da Kinder oft schon einen Terminkalender mit Freizeitaktivitäten besitzen. Diese Art von Aktivität ist meist zielgebunden. Der hohe Stellenwert des Spielens wird dabei vergessen. 

Kindheit heute und ihre eingegrenzten Bewegungsmöglichkeiten

Durch die Zunahme des Straßenverkehrs ist das Spiel der Kinder auf der Straße sehr gefährlich und somit eingeschränkt. Unbebaute Grundstücke, Wiesen und freie Plätze werden dahingehend verändert, dass sie Wohnanlagen weichen müssen. Auch die Wohnräume selbst sind in ihrem Platz oft nicht ausreichend, um dem Bewegungsbedürfnis des Kindes gerecht zu werden.
Durch diese Veränderung erlebt das Aufenthalts- und Spielverhalten des Kindes eine gravierende Wandlung. Für das Kind bedeutet das ein mangelndes, angepasstes Bewegungangebot.

Kindheit heute fehlt der direkte Bezug zur Natur

Kindern fehlt im Vergleich zu früheren Jahren immer mehr ein direkter Bezug zur Natur und somit ein wichtiger Spielort. Durch die fehlende Naturbegegnung kann die Beziehung zur Natur nur schwer wachsen, was für einen liebevollen Umgang Voraussetzung ist.

Waldtag: Auch bei kühleren Temperaturen erforschen wir die nahe gelegene Umgebung

 

Wir können diese Welt nicht verändern.
Was wir tun können ist, unsere Kinder in
ihrer ganz individuellen Entwicklung
sinnvoll zu begleiten und ihre Bedürfnisse,
Gefühle und Interessen als Ausgangspunkt
unseres Miteinanders zu machen.

 

Was Kinder brauchen

Respekt und Achtung 

Kinder erfahren den Respekt der Erwachsenen und die Achtung vor ihrer Entwicklung zu allererst dadurch, dass sie als Mensch, als Individualisten wahrgenommen werden. Jedes Kind hat seine Biographie - so wie jeder Fingerabdruck ein unverwechselbares Merkmal darstellt. Auf Vergleiche ist zu verzichten. Jedes Kind wird dort abgeholt, wo es steht, mit seinen Stärken und Schwächen.

Ort der Akzeptanz

Kindern Verständnis zeigen heißt in unserem Kindergarten, Sichtweisen aus ihrer biografischen Kultur oder eben gesellschaftliche Tendenzen anzunehmen, sie nicht auszugrenzen, sondern durch eine Integration überzuleiten.
So erleben wir es als eine Bereicherung, dass eine interkulturelle Gemeinschaft gelebt werden kann.

Zeit

Zeit schafft Räume für Erleben, in denen Kinder nicht nur oberflächlich auf das Leben sehen.
Unser Kindergarten ist ein Ort, an dem der Tagesablauf so gestaltet ist, dass Zeit zum Spielen, Experimentieren, Kommunizieren, Spontan sein, Ruhen und Aktiv sein erlebt werden kann.
Kinder leben im Augenblick, in der Gegenwart und wollen diese ausfüllen. Kinder haben im Vergleich zu uns Erwachsenen einen anderen Zeitbegriff. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder in der Gegenwart für die Zukunft stark zu machen.

Ort der Ganzheitlichkeit

Das Kind lernt über das Handeln und begreift die Welt im wahrsten Sinne des Wortes durch das Selbst Tun. Ganzheitlichkeit ist ein Einklang zwischen Seele - Körper - Geist. Der gesamte Mensch wird gesehen, nicht einzelne Teilbereiche, die isoliert nebeneinander stehen. Dies bedeutet ein vernetztes Miteinander der einzelnen Fähigkeiten, die Nahrung zum Wachsen brauchen.

Eine Welt, die sie begreifen können

Kinder zwischen 3 und 6 Jahren lernen durch Erfahrungen und nicht über den Verstand. Kinder handeln, fühlen und erobern die Welt durch aktiv sein. Das sammeln von Erfahrungen steht im Vordergrund, erst danach erfolgt das Denken. Vor dem 7. Lebensjahr sind sie entwicklungspsychologisch nicht fähig, durch Nachdenken zu lernen.
Je weniger Erfahrungsräume einem Kind zur Verfügung stehen, desto schlechter sind die Bedingungen für seine Entwicklung und Reifung. Zum Beispiel erleben wir die Jahreszeiten mit den Kindern, indem immer die Möglichkeit besteht draußen zu spielen.

Räume 

Räume in denen Bedürfnisse nach Rückzug, Ruhe, Nähe, nach Geborgenheit, Zärtlichkeit, Geheimnis, Vertrauen, Beziehung, Sicherheit, Gemeinschaft gelebt werden können.
Räume in denen Bedürfnisse nach Bewegung, Sinneserfahrung, Gefühlsausdruck und die Freiheit im so - sein begriffen werden können.

Hier werden Träume - Räume wahr

Ein Ort der Lebendigkeit und Entspannung

Bewegung ist für alle Kinder nicht nur eine Lebendigkeit, sondern auch ein unverzichtbares Grundbedürfnis ihrer Entwicklung. Bewegte Kinder sind innerlich beteiligte Kinder , die voller Freude tanzen, bei Wut auf den Boden stampfen. Bewegung ist eine Voraussetzung um die Welt begreifen zu können. Bewegung ist ein täglich fester Bestandteil des Lebens und Lernens in unserem Kindergarten. Bewegungsräume wie Flur, Turnhalle und Außengelände stehen den Kindern für eine aktive Auseinandersetzung zur Verfügung.
Aber auch entspannen, sich ausruhen, leise spielen sind Phasen, die Kinder brauchen. Unsere Räume sind so konzipiert, dass jegliche Bedürfnisse gelebt werden können.

Ort des Erlebens

Erfahrungen können auf viele Bereiche in der Kindergartenarbeit übertragen werden: Sei es bei der Mithilfe beim Kochen, beim Spaziergang oder dem Tag im Wald, bei der Konstruktion eigener Schatzkisten, etc. 
Wo Erfahrungen gewünscht sind, entsteht Neugierde, was wiederum Basis für Intelligenz und Leistungsfähigkeit ist.
Unser Kindergarten lebt die nutzbare Chance, Kinder an täglichen Arbeiten und Erlebnissen zu beteiligen.

Ort erfahrbarer Demokratie

In allen Kindertagestättengesetzen wird der Mitsprache von Kindern ein hoher Stellenwert beigemessen. Kinder können sich real an einem demokratischen Miteinander beteiligen.
Mündig sein, das Gefühl meine Meinung ist auch gefragt, Bedürfnisse, Gefühle und Interessen artikulieren, Entscheidungen treffen, Regeln und Absprachen gemeinsam erarbeiten sind wesentliche Schwerpunkte unserer Pädagogik. 

Ort der Sicherheit und Öffnung

Kinder brauchen auf der einen Seite ihre feste Bezugsperson, ihren Gruppenraum, klare Regeln und Rituale im Alltag. 
Für ihre Entwicklung brauchen sie jedoch auch Räume in denen sie unbeobachtet sind, in denen losgelassen wird, wo sie sich vom Schoß der Gruppe hin und wieder entfernen und dabei in sich das Vertrauen spüren "Ich schaffe das!"

Ort der Selbständigkeit

"Hilf mir es selbst zu tun" lautet ein Gedanke aus der Montessori-Pädagogik.
Unser Verständnis vom Kind beinhaltet dieses Bild, dass Kinder soviel wie möglich selbst tun.
Raum, Material, Begleitung und Zeit sind auf diesen pädagogischen Leitgedanken ausgerichtet. Das Kind gewinnt an Erfahrungen und lernt sich selbst zu helfen!

Selbständig sein - Wir begreifen die Welt

Begleitung

Wir sprechen bewusst von einem/r Entwicklungsbegleiter/in nicht von einem/r Erzieher/in, der/die das Kind in eine Richtung zieht. Der Entwicklungsbegleiter denkt nicht für Kinder sondern mit Kindern. Er begreift das Kind in seiner Ganzheitlichkeit und sieht davon ab, Einzelbereiche zu fördern.
Er unterstützt das Kind in seiner Selbstbestimmung und begleitet es, indem die Selbständigkeit und somit das Sammeln von Erfahrungen absolut im Mittelpunkt stehen. Auch steht die Qualität und nicht die Quantität im Vordergrund , nach dem Motto "weniger ist mehr".
Was brauchen Kinder? Sicherlich ist eine Begleitperson, die eine Sprachbegleitung in Form von Aussagesätzen praktiziert für eine gelungene Kommunikation und ein sich ernst genommen fühlen wichtig. Eben eine Begleitung, die nicht nur Fragen stellt.

Auch das Wissen um menschliche Entwicklung ist notwendig. So das Wissen um so genannte "Sensible Phasen". In der Entwicklung eines Kindes gibt es besondere geistige Momente, um eine Erfahrung zu machen und daran zu reifen. 
Maria Montessori hat diese Momente als "Sensible Phasen" bezeichnet. Ist der Entwicklungsbegleiter offen, um diese günstigen Zeiträume in der Entwicklung eines Kindes wahrzunehmen, dann hat er hier die Aufgabe durch Raum, Material und Spielimpulse diesen Prozess zu begünstigen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Begleiter als eine seiner wichtigen Aufgaben das Beobachten begreift.
Diese Entwicklung muss in regelmäßigen Abständen schriftlich fixiert werden, damit Entwicklung als Arbeitsgrundlage gehandhabt werden kann.

Das wichtigste Haus baut sich der Mensch in seiner Seele. 
Und es ist ein Haus, das nicht im Feuer brennt und nicht im Wasser untergeht. 
Dauerhafter ist es als Ziegelsteine und Diamanten.

Fjodor Abramow